Sie befinden sich hier: Start |Aktivitäten |

Wahlfreiheit oder Wahlzwang? Dokumentation eines Streitgesprächs

Am Donnerstag, dem 24. April 2008, stießen die Befürworter und Gegner eines gemeinsamen Ethikunterrichts erstmals aufeinander. Die Humanistische Union organisierte im Rahmen der von ihr veranstalteten Republikanischen Vesper eine Diskussionsrunde mit Befürwortern und Gegnern des Volksbegehrens "Pro Reli". Hier finden Sie Auszüge der Diskussion.

Podiumsbild (v.l.n.r.): Christoph Lehmann (Pro Reli), Kirsten Wiese (HU) und Peter Kriesel (Fachverband Ethik)

 

Kirsten Wiese, die den Abend für die Humanistische Union moderierte, stellte eingangs die Ziele des Volksbegehrens "Pro Reli" vor: Nach den begehrten Änderungen des Berliner Schulgesetzes soll der Religionsunterricht künftig ab dem 1. Schuljahr ein ordentliches Lehrfach werden, von dem sich Schülerinnen und Schüler nur abmelden können, wenn sie ersatzweise den Ethikunterricht besuchen.

Hier können Sie die Einführung in die Republikanische Vespers von Kirsten Wiese nachhöhren.

 

Als Befürworter des Volksbegehrens verteidigte Christoph Lehmann,  Vorsitzender des Vereins "Pro Reli - Initiative für Religiöse und Politische Bildung" das Anliegen des Volksbegehrens. Ihm gehe es darum, mit dem Volksbegehren auf die gegenwärtigen Benachteiligungen des Religionsunterrichts hinzuweisen. Die derzeitige Situation beschrieb er mit einem gewagten Vergleich: Es sei, als ob man einem Behinderten sage, er könne am Sportunterricht teilnehmen - allerdings sei dieser im sechsten Stock und es gebe keinen Fahrstuhl.

Ziel der Initiative Pro Reli sei deshalb, dass sich alle Schüler ab dem ersten Schuljahr zwischen dem konfessionsübergreifenden Ethikunterricht und einem konfessionsgebundenen Religionsunterricht entscheiden "können", nur so gebe es eine echte Wahlfreiheit. Im Religionsunterricht könnten die gemeinsamen Werte einer Gesellschaft besser vermittelt werden, beispielsweise könne ein islamischer Religionslehrer einer Schülerin erklären, was der Schleier bedeute und warum sie ihn in Deutschland nicht tragen solle.

Das Eingangsstatement von Christoph Lehmann können Sie hier nachhören:

 

Peter Kriesel, der Bundesvorsitzende des Fachverbandes Ethik, widersprach dieser Darstellung entschieden. Einerseits handle es sich bei der von Pro Reli vorgeschlagenen Lösung um einen Wahlzwang: Während bisher alle Schülerinnen und Schüler frei wählen können, ob sie neben ihren ordentlichen Unterrichtsfächern (zu denen auch Ethik gehört) freiwillig einen Religions- oder Weltanschauungsunterricht besuchen, müssten sie sich künftig zwischen Ethik und Religion entscheiden. Die gemeinsamen Werte und das interkulturelle Verständnis ließen sich sinnvoll nur in einem konfessionsübergreifenden, für alle verpflichtenden Unterricht lehren. Nur dort sei die Gewähr dafür gegeben, dass die Ziele und Inhalte verschiedener Glaubensrichtungen gleichberechtigt, aber auch in ihrer Beziehung zum säkularen Gemeinwesen vermittelt werden. Kriesel wies darauf hin, dass der Religionsunterricht per Definition immer Bekenntnisunterricht sein müsse - letztlich stünden bei ihm die Glaubensvermittlung im Vordergrund.

Das Eingangsstatement von Peter Kriesel können Sie hier nachhören: